Regionalluftfahrt fordert und unterstützt die Einführung von PtL-Fuels

Online Event: „PtL-Fuels – Eine (aktuelle) Perspektive für die Regionalluftfahrt ?“

Bonn, 15.09.2021

Über die Zukunft der Luftfahrt wird viel diskutiert. Wie der Großteil des Straßen- und Schiffsverkehrs trägt auch der Flugverkehr durch seine Treibhausgasemissionen zur globalen Erwärmung und dem damit verbundenen Klimawandel bei. Die Regionalluftfahrt und insbesondere die Regionalflughäfen stehen permanent in der Kritik. Gerade letztere werden in den Medien oft als ‘ökonomisch und klimapolitisch unverantwortliche Subventionsempfänger‘ oder gar als ‘Landratspisten‘ bezeichnet, deren ‘Nutzungszahlen in keinem Verhältnis zu den Klimaschäden die sie anrichten‘ stehen. Forderungen nach Schließung der Regionalflughäfen werden immer wieder gestellt.
Aber, ist Verzicht auf die Regionalluftfahrt wirklich sinnvoll? Oder ist es vielmehr nicht so, dass der dezentrale Luftverkehr mittels synthetischer, mit grünem Strom erzeugter, CO2-neutraler Treibstoffe einen positiven, in vielfacher Hinsicht wertvollen Beitrag zur Verkehrswende wie auch zum Klimaschutz leisten könnte? Ein Gedanke, der zumindest einmal vorurteilslos diskutiert werden sollte.
Die virtuelle Podiumsdiskussion zu dieser Fragestellung war Teil der Veranstaltungsreihe ‚Nachhaltige Luftfahrt‘, die im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Kopernikus-Projekts P2X durchgeführt und vom DECHEMA e.V. und IASA e.V. organisiert wurde.
das Logo der IASA-Veranstaltung ‘PtL-Fuels - Eine (aktuelle) Perspektive für die Regionalluftfahrt?‘

Technik ist nicht das Problem

Die Technologie zur Herstellung von PtL-Fuels, insbesondere die Hochtemperatur-Ko-Elektrolyse mit Wirkunsgraden deutlich über 60%, ist in Sichtweite der Markteinführung. Oft ist in diesem Zusammenhang zu hören, dass PtL-Treibstoffe, wenn überhaupt, nur in der Atacama-Wüste oder in der Sahara zu marktfähigen Preisen produziert werden könnten, obwohl der Preis für Strom aus PV-Freiflächenanlagen und Windkraftanlagen auch in Deutschland schon bei unter 4Ct/kWh liegt.

Nach jetzigem Stand der Technik hat allein PtL aus Erneuerbaren Energie das Potenzial, die klimaneutralen Treibstoffmengen zu produzieren, die von der internationalen Luftfahrt jetzt und in der Zukunft benötigt. Und das ohne Konflikt mit der Landwirtschaft, ohne Flächenkonkurrenz mit dem Naturschutz und ohne Teller-oder-Tank-Konflikt. Das Problem ist vielmehr die fehlende Demonstration der technologischen Reife und Marktfähigkeit von PtL-Fuels aus Erneuerbaren Energien in Deutschland. Die besondere Rolle, die hier die Regionalluftfahrt leisten könnte, war Anlass für die zentrale Expertenrunde.

Experten diskutierten

IASA und DECHEMA luden daher eine Expertenrunde aus dem Bereich Luftfahrt bzw. Regionalluftfahrt ein, diese Aspekte und Möglichkeiten von PtL-Fuels zu diskutieren. Die Teilnehmer der Diskussionsrunde waren:
  • Torsten Schwab (GIZ)
  • Dr. Patrick Le Clercq (DLR)
  • Ralf Schmid (CEO Allgäu Airport Memmingen)
  • Rudolf (Rolf) Dörpinghaus (IASA e.V.)
  • Andreas Mundsinger (CEO GBAA)

Die Moderation übernahmen Michael Wühle (IASA e.V.) und Chokri Boumrifak (DECHEMA e.V.).

Neben der nationalen wurde auch die internationale Perspektive einbezogen, denn in schwer zugänglichen Regionen – beispielsweise im brasilianischen Regenwald oder in der Fjord- und Gebirgslandschaft Norwegens ist die Regionalluftfahrt unersetzlich – und braucht nachhaltige Lösungen.

Aber auch in den sogenannten ‚entwickelten Ländern‘ kann der dezentrale Luftverkehr wichtige Funktionen für Wirtschaft und Lebensqualität der Menschen übernehmen, denn für eine Flugreise sind weniger die zu überbrückenden Entfernungen entscheidend, sondern der zu erwartende zeitliche Vorteil.

Impulsvortrag zur Einstimmung

Zu Beginn wurde ein Impulsvortrag des IASA-Präsidenten Rudolf (Rolf) Dörpinghaus gezeigt, um die Teilnehmer, die wenig oder auch gar nichts mit der Regionalluftfahrt zu tun haben, thematisch abzuholen. Eine pdf-Version des Impulsvortrags ‘CO2-neutrale P2L-Fuels und Regionaler Luftverkehr‘ kann über die IASA-Homepage kostenlos bezogen werden: https://iasaev.org/de/download-area/

In seiner Präsentation bedauerte Rolf Dörpinghaus, dass die oft geäußerte Kritik am Luftverkehr zu sehr rückwärtsgewandt sei und die ökonomischen wie sozialen Aspekte bzw. Chancen einer künftigen, durch sukzessive Innovationen weitestgehend klimaneutralen Luftfahrt viel zu wenig gewürdigt würden.

Aus den klassischen Maximen der Luftfahrt, also dem ’schneller, weiter, höher‘ früherer Zeiten sei inzwischen längst (!) ein

  • ‚ökologisch besser,
  • ökonomisch effizienter und
  • sozial verantwortlicher‘

geworden, was durch Zahlen unzweifelhaft belegt werden könne. Jetzt gehe es darum, die Transformation zur Klimaneutralität zügig zu realisieren, um damit den Vorteil des Fliegens, also von

  • erschwinglicher,
  • regionaler wie weltweiter und
  • zeiteffizienter Mobilität

auch für die Zukunft zu sichern.

Unter den verschiedenen Möglichkeiten biete sich hierzu insbesondere die PtL- bzw. P2L-Technologie an, die in der Luftfahrt nicht nur den Einstieg in einen weitestgehend klimaneutralen CO2-Kreislauf, sondern auch die problemlose Weiternutzung des existierenden Flugzeugbestands ermögliche.

Nutzen eines klimaneutralen Luftverkehrs

Der Nutzen eines klimaneutralen Luftverkehrs für Wirtschaft und Gesellschaft gehe dabei – so Dörpinghaus – weit über die Luftfahrt hinaus. Die Vorteile einer CO2-armen wie zeiteffizienten dezentralen Luftfahrt könnten nicht nur vergleichsweise zeitnah realisiert werden (Erfüllung der Pariser Klimaziele), sondern seien insbesondere auch – dank der Nutzung existierender Flugplätze – geeignet, öffentliche Investitionen in Verkehrswege einzusparen, die Chancengleichheit zwischen Metropolen und ländlichen Regionen zu verbessern, den Flächenverbrauch (Bodenversiegelung) zu vermindern, Landschaften und Ressourcen zu schützen sowie last, but not least mehr Lebensqualität für die Menschen zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund müsse jetzt dringender denn je der Schritt aus der Laborphase in die praktische Realisierung eingeleitet werden. Wichtigste Voraussetzung sei hierfür ein PtL-Demonstrator im industriellen Maßstab.

Der Startbildschirm zum Impulsvortrag ‘PtL-Fuels und Regionalluftfahrt‘ anlässlich des Online-Events „PtL-Fuels – Eine Perspektive für die Regionalluftfahrt?" am 14.09.2021

Breite Unterstützung für einen PtL-Demonstrator

Alle Teilnehmer der Diskussionsrunde haben auf entsprechende Fragen des Moderators ihre prinzipielle Bereitschaft zur Unterstützung des Themas PtL-Fuels in der Regionalluftfahrt und ihre Bereitschaft zur Mitarbeit in Projekten zur Produktion von PtL-Flugtreibstoffen in Deutschland bejaht und bekräftigt. So erklärte Herr Schmid vom Allgäu Airport Memmingen seine Bereitschaft, Flächen, Ressourcen und eigene Energievorhaben in ein entsprechendes Projekt einzubringen. Andreas Mundsinger erklärte die Bereitschaft seines Verbandes, ggf. hilfreiche Abnahmegarantien für lokal produziertes PtL-Fuel zu geben und darüber hinaus entsprechende Projekte zu unterstützen.

Alle Teilnehmer der Diskussionsrunde waren sich jedoch auch darüber einig, dass für die ersten PtL-Demonstrationsprojekte an deutschen Regionalflughäfen eine staatliche Förderung notwendig ist, um diese Anlagen schnell realisieren und technologisch optimieren zu können. Herr Dr. Le Clercq (DLR) sagte, dass es genügend Fördertöpfe in Deutschland gebe, mit denen ein PtL-Demonstrator finanziell unterstützt werden könnte. Herr Schwab von der GIZ zeigte sich überzeugt davon, dass dezentrale PtL-Produktionsanlagen in Containerbauweise für Regionalflughäfen ein Exportschlager für deutsche Unternehmen werden könnten.

Vor diesem Hintergrund sollte es möglich sein, zeitnah zumindest einen PtL-Demonstrator an einem deutschen Regionalflughafen zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Dennoch, bei all diesen erfreulichen und positiven Aussagen und Unterstützungsankündigungen bleibt beim Verfasser der Zweifel bestehen, ob wir wirklich zeitnah einen PtL-Demonstrator in Deutschland haben werden oder schlussendlich in andere Länder reisen müssen, um eine solche Anlage in Augenschein zu nehmen zu können.

Problem Förderdschungel

IASA-Erfahrungen im bürokratischen Förderdschungel – sowohl auf Landes- wie auch auf Bundesebene – machen den Verfasser da nicht wirklich zuversichtlich. Was sind politische Bekenntnisse zu Innovation und Energiewende wert, wenn man nicht bereit ist, auch einmal wirklich neue Wege zu gehen?

In anderen europäischen Ländern wie etwa Norwegen und Finnland existieren schon konkrete Projekte. Die zugehörigen PtL-Produktionsanlagen sind im Entstehen.

Die Frage ist, werden wir auch bei dieser innovativen und klimaschonenden Technologie wieder einmal vom Ausland überholt, weil wir nicht in der Lage sind, unbürokratisch, zielführend und zügig zu handeln?

Michael Wühle, IASA e.V.